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Dolmetschdienst: «Die Sprache ist der Schlüssel des Landes»

10.10.2022
Mohammed Ali Osman floh 2005 aus Eritrea. Heute ist er Betreuer im Asylzentrum und interkultureller Dolmetscher und Vermittler bei Caritas Luzern. Er unterstützt Migrantinnen und Migranten im Integrationsprozess. Mittlerweile fühlt er sich in der Schweiz angekommen – doch der Weg war nicht immer einfach.
Immer, wenn ich hier in der Schweiz die Berge sehe, erinnere ich mich an die Berge in meiner
Heimat.» Mohammed Ali Osman ist in einem kleinen Dorf im Tiefland von Eritrea aufgewachsen. Morgens ging er zur Schule, nachmittags arbeitete er als Hirte. Er passte auf Kamele auf, holte Wasser mit dem Esel und sammelte Holz. Aufgrund der politischen Situation im Land musste er aus seinem Heimatland fliehen. Heute arbeitet Mohammed als Betreuer in einem Asylzentrum in Luzern. Ausserdem ist der 37-Jährige als interkultureller Dolmetscher und Vermittler für den Dolmetschdienst Zentralschweiz von Caritas Luzern im Einsatz.
Nachbarn 2202 Dolmetscherdienst Mohammed Ali Osman

«Es begeistert mich, wenn ich zwischen zwei Kulturen eine Brücke bauen kann»

Neben Deutsch beherrscht er Arabisch, Tigre und Tigrinya – somit kann er drei unterschiedliche Alphabete lesen. Interkulturelle Dolmetschende und Vermittelnde kennen neben mehreren Sprachen auch die kulturellen und sozialen Kontexte der Länder, für die sie dolmetschen. Während des Gesprächs sind drei Parteien anwesend: eine Fachperson von einer öffentlichen oder privaten Stelle, eine Migrantin und ein Dolmetscher. Die Dolmetschenden stellen die Verständigungsbrücke her zwischen Fachperson und migrierter Person. Mohammed dolmetscht beispielsweise bei Elterngesprächen, in der Psychiatrie oder bei einem Arztbesuch. Zudem begleitet er Migrantinnen und Migranten beim Einleben in der Schweiz. «Es begeistert mich, wenn ich zwischen zwei Kulturen eine Brücke bauen und helfen kann, Sprachbarrieren zu umgehen, damit die Kommunikation fliesst», erzählt er. Nebst dem Dolmetschen gehören zum interkulturellen Vermitteln noch weitere Aufgaben. Interkulturell Vermittelnde beraten oder begleiten im Auftrag von Fachpersonen oder Behörden und bauen Vertrauen auf, wo korrektes Verstehen unter Einbezug der kulturellen Hintergründe nötig ist. «Dabei ist es wichtig, Nähe aufzubauen und gleichzeitig Distanz zu wahren. Das ist nicht immer einfach», sagt Mohammed.


«Wenn ich hier Fuss fassen möchte, muss ich Deutsch lernen»

Für viele nachgefragte Sprachkombinationen gibt es keine universitären Dolmetsch-Studiengänge. Ende der 1990er-Jahre initiierte das Bundesamt für Gesundheit praxisnahe Professionalisierungsmöglichkeiten für interkulturell Dolmetschende und Vermittelnde. Sie orientieren sich am Berufskodex INTERPRET. Mohammed absolvierte die Grundmodule für interkulturell Dolmetschende bei Caritas Schweiz. Danach besuchte er Weiterbildungen bei Caritas Luzern, um immpsychotherapeutischen Bereich zu dolmetschen und Menschen im Integrationsprozess zu begleiten. «Ich bin froh, dass ich diese Ausbildungen machen konnte. Das Angebot ist sehr breit und ich besuche jährlich Intervisionen und Supervisionen, das gibt mir Sicherheit», sagt Mohammed.


«Mit Wörterbüchern und YouTube machte ich zuerst ein Deutsch-Selbststudium»

Nach einer beschwerlichen Flucht von Eritrea über den Sudan, Libyen und Italien betrat Mohammed 2008 das erste Mal Schweizer Boden. «Damals wusste ich nicht, dass man in der Schweiz vier Sprachen spricht», erklärt er. Doch für ihn war von Anfang an klar: «Die Sprache ist der Schlüssel des Landes. Wenn ich hier Fuss fassen möchte, muss ich Deutsch lernen.» Zu Beginn landete er in Basel im Asylzentrum. Von dort aus schickten sie ihn nach Nidwalden. Er wartete zwei Jahre auf die Aufenthaltsbewilligung, während dieser Zeit durfte er keine Sprachkurse besuchen. «Also habe ich es selbst an die Hand genommen. Mit Wörterbüchern und YouTube machte ich ein Selbststudium», erklärt er. Danach besuchte er für neun Monate einen Intensivkurs.


Auch Schweizerinnen und Schweizer tragen zur Integration bei

Am Anfang schnitt er Sonnenblumen und jätete Unkraut in einer Bio-Gärtnerei. «Schrittweise konnte ich mir eine berufliche Existenz aufbauen. Wenn man den Willen hat und sich Mühe gibt, kann man etwas erreichen», sagt Mohammed, der mittlerweile eingebürgert ist. «Doch man kann nicht alles blumig reden, es ist nicht immer einfach in der Schweiz. Die Bürokratie kann unter anderem hohe Hürden darstellen.» Er ist der Meinung, dass Integration möglich ist. Doch dafür sei es wichtig, dass auch die Schweizerinnen und Schweizer offen sind: «Mit einem starken Willen kann ich als Flüchtling meine Ziele erreichen, doch es kostet mich viel weniger Energie, wenn auch die andere Seite einen Schritt nach vorne macht und wir uns in der Mitte treffen können.»

«Die optimale Verständigung zwischen Fachpersonen und der Migrationsbevölkerung trägt einen wichtigen Teil zur gelungenen Integration bei. Kommunikation ist vielseitig und komplex. Wenn verschiedene Sprachen zusammenkommen, wird es erst recht anspruchsvoll. Ich bin stolz, dass unser Team tagtäglich dazu beiträgt», sagt Esther Imfeld, Leiterin Dolmetschdienst Zentralschweiz von Caritas Luzern. Im Jahr 2021 vermittelte der Dolmetschdienst über 30 000 Einsatzstunden in rund 50 Sprachen. «Dies entspricht einem Rekordergebnis», freut sich Imfeld. Seit 2021 wird die Vermittlung aller Aufträge über eine neue, digitale Vermittlungsplattform ausgeführt.


«Ich fühle mich in der Schweiz angekommen»

Um sich bestmöglich auf einen Termin vorzubereiten, recherchiert Mohammed über das Thema und die Kultur: «Ich möchte vermeiden, dass es kulturelle Missverständnisse
gibt.» Dabei geht es oft um persönliche, gesundheitliche und emotionale Themen. «Einmal musste ich Eltern mitteilen, dass ihr Sohn eine Krebsdiagnose erhalten hat. Das war keine einfache Aufgabe », erinnert er sich. Auch Mohammed hat drei Kinder. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit ihnen und seiner Frau. «Zu Hause sprechen wir Arabisch und in der Schule reden meine Kinder Luzernerisch.» Um Kraft zu tanken, macht er gerne Spaziergänge in der Natur. «Ich habe nichts zu beklagen, die Grundlage für ein menschenwürdiges Leben ist hier gegeben. Die Sicherheit ist für mich am allerwichtigsten. Das Bildungs- und Sozialsystem hier gefällt mir. Ich möchte meinen Kindern eine gute Zukunft bieten», sagt Mohammed.

Ein Grossteil seiner restlichen Familie lebt in Eritrea. Tiere haben sie keine mehr, es ist zu trocken. «Die Situation in Eritrea ist für Menschen und Tiere nicht einfach. Ich denke oft an sie. An meine Familie, meine Freunde und die Umgebung aus meiner Vergangenheit. Das Heimweh ist immer da. Doch ich fühle mich in der Schweiz angekommen.»


Dolmetschdienst Zentralschweiz

Die optimale Verständigung zwischen der Migrationsbevölkerung und Fachpersonen ist der Schlüssel zu einer gelungenen Integration. Der Dolmetschdienst Zentralschweiz vermittelt deshalb im Auftrag der Zentralschweizer Kantone qualifizierte interkulturell Dolmetschende und Vermittelnde an Institutionen, Firmen und Privatpersonen. Die interkulturell Dolmetschenden und Vermittelnden arbeiten vorwiegend im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich und dolmetschen und vermitteln in über 50 verschiedenen Sprachen, u.a. in Arabisch, Farsi, Pashto, Tigrinya, Dari, Somali, Swahili und Kurdisch.
Weiterführende Informationen: Dolmetscherdienst Zentralschweiz