Die Gewissheit, dass danach Liebe kommt – Als Freiwillige in der Sterbegleitung

09.01.2019
Seit Silke Roether vor vier Jahren den Caritas-Kurs in Sterbebegleitung absolviert hat, begleitet sie ehrenamtlich Kranke oder Sterbende durch die Nacht. Die Angst vor dem eigenen Tod hat sie dadurch überwunden.

Kurz vor Dämmerung. Der Himmel über dem Neubau des Triemlispitals hat sich rot verfärbt. Während viele Leute hinaus in den Feierabend strömen, kommt Silke Roether gerade am vereinbarten Treffpunkt in der hauseigenen Cafeteria an. Im bunten Batiklook, fröhliches Lachen, die langen grauen Haare zu einem Zopf gebunden. Sie ist eine von rund 35 Freiwilligen, die sich im Triemli zur Krisenbegleiterin hat ausbilden lassen.

Zweimal im Monat leistet sie Patientinnen und Patienten nachts von 21.30 bis 5.30 Uhr Gesellschaft, die nicht alleine sein wollen. Weil sie Angst haben, unruhig sind oder vor Schmerzen nicht schlafen können. Heute Nacht wird Roether neben dem Bett eines Mannes wachen, der sich nach einem Herzstillstand davor fürchtet, im Schlaf zu ersticken. Ihre Aufgabe sieht sie darin, «einfach da zu sein» – und damit auch Angehörige zu entlasten.

Vom Gymnasium ins Spital

Roether spricht Hochdeutsch. Ihr Blick ist wach, unaufgeregt und sanft die Stimme. Auf den Freiwilligendienst aufmerksam wurde sie vor vier Jahren durch ein Zeitungsinserat. Ihre befristete Stelle als Physik- und Mathematiklehrerin am Gymnasium Menzingen wurde nicht mehr verlängert. So startete sie 2015 mit dem Caritas-Kurs in Krisen- und Sterbebegleitung. Existenzielle Fragen interessierten sie schon länger. In Deutschland studierte sie in jungen Jahren Physik und Theologie. «Zwei Fächer, die es mir erlauben, aus zwei verschiedenen, sich aber keineswegs ausschliessenden Blickwinkeln auf die Welt zu schauen.» 

Man hört ihr gerne zu. Wenn sie so ganz selbstverständlich vom Leben nach dem Tod spricht. Von der beständigen Seele und der bedingungslosen Liebe, die auf einen wartet. Gut vorstellbar, dass ihre Worte kranken Menschen Trost spenden. Manchmal singe sie auf Wunsch ein Lied. Hin und wieder komme auch der Massageball zum Einsatz, den sie nun aus ihrer Tasche kramt und zur Demonstration über den Arm gleiten lässt.

Im Unterschied zur Sitzwache übernimmt sie als Krisenbegleiterin keine pflegerischen Aufgaben und wird nicht bezahlt. Was sie am meisten freut: Wenn jemand schlafen kann, von dem es hiess, dass er die letzte
 Nacht kein Auge zumachte. «Irgendwie habe ich eine beruhigende Wirkung auf Menschen, was für diese Tätigkeit viel wert ist.»

Schattenboxen als Ausgleich 

Dabei strotzt sie geradezu vor Energie. Hauptberuflich leitet Roether die Freiwilligenarbeit der Diakonie Bethanien und ist als Kathechetin an heilpädagogischen Schulen tätig. Parallel studiert die 56-Jährige wieder an der Universität: Sie macht in Zürich den Master in Theologie, um den Pfarrberuf in der Schweiz ausüben zu können. «Ich liebe es, Hebräisch zu büffeln.» Schattenboxen, singen, schwimmen oder wandern: Langweilig werde es ihr nie.

Ihre von der reformierten und katholischen Spitalseelsorge koordinierten Dienste empfindet sie als grosse Bereicherung. Viele Patienten werden gesund. Dennoch ist der Tod präsent, sagt sie und lässt ihren Blick nach draussen schweifen. Einmal hat Roether einen 85-Jährigen beim Sterben begleitet. «Als er zu atmen aufhörte, lag etwas Heiliges in der Luft. Ich war sehr gerührt und dankbar, dabei sein zu dürfen.» Angst vor dem Tod hat sie nicht mehr. Im Gegenteil: «Ich bin richtig gwundrig.»


Text: nachgedruckt in Absprache mit der Autorin Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info
Foto: Niklaus Spoerri

Aus- und Weiterbildung in Sterbebegleitung

Interessieren Sie sich auch dafür, Schwerkranke und Sterbende zu begleiten? Oder möchten sich auf das Lebensende von Angehörigen vorbereiten? Wir bieten verschiedene Ausbildungskurse und Seminare zur Begleitung in der letzten Lebensphase an.