Eine Mutter geht ihren Weg – Attestausbildung in der Schreinerei der Caritas Luzern

06.06.2019
Wenn ihre Arbeitskollegen Feierabend machen, beginnt für Madeline Gomez die Arbeit zu Hause erst richtig. Obwohl die 27-Jährige ihre kleine Tochter allein aufziehen muss, will sie ihre Lehre unbedingt durchziehen. Sie ist überzeugt: «Ich habe meinen Traumberuf gefunden».

Madeline Gomez mochte Holz schon immer. Den Duft, das Natürliche. Die unbegrenzten Möglichkeiten, die dieser Rohstoff mit sich bringt. «Aus einem Stück Holz kann man alles machen.» Die dunklen Augen der jungen Frau leuchten, wenn sie von ihrem Job erzählt. Ihre rauen Hände passen nicht zur zierlichen Person. Der staubige Kapuzenpulli und die Arbeiterhose ebenfalls nicht. Doch das kümmert die junge Frau nicht. Im Gegenteil: Steht sie in der Werkstatt der Caritas Luzern, ist sie zufrieden. Sie mag es, anzupacken, mit schwerem Werkzeug zu arbeiten, etwas von Grund auf zu produzieren. Ihre Arbeit ist ihre Passion. «Ich liebe Holz», sagt sie. Und alles, was dazu gehört.

Attestausbildung Schreinerei

Obwohl sie schon in der Oberstufe am liebsten den Werkunterricht besuchte, war da stets diese Unsicherheit. «Schreinern? Das ist doch ein Männerberuf.» Weil das alle in ihrem Umfeld behaupteten, glaubte der Teenager das bald auch selber. Also verwarf sie diesen Gedanken wieder – und begann eine Lehre im Verkauf. Nach einem halben Jahr brach sie diese ab.
 

Mutter mit 22 Jahren

In den darauffolgenden Jahren hielt sich Madeline Gomez mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Als sie 22 Jahre alt war, folgte der Moment, der alles veränderte. Madeline Gomez wurde Mutter einer kleinen Tochter. Kisha. «Mein Ein und Alles». Natürlich ist da auch ein Vater –  doch die Beziehung zerbricht. Und weil ihr kranker Vater, ihre Geschwister und ihre Grossmutter in der Dominikanischen Republik leben, ist Gomez wie so oft auf sich allein gestellt. Ihre Mutter hilft, wo sie kann. «Aber das geht halt auch nicht immer.»
 

Die einzige Frau in der Werkstatt

Obwohl die kleine Kisha vieles komplizierter macht, will Madeline Gomez unbedingt ihre Ausbildung nachholen. Als sie herausfindet, dass die Caritas Luzern Attestausbildungen in der hauseigenen Schreinerei anbietet, wittert sie ihre Chance. Und siehe da: Für einmal kommt alles genau so, wie es sich die junge Frau wünscht: Madeline Gomez erhält die Zusage für die Lehrstelle. Dafür ist sie dankbar. «Sehr sogar.» Sie weiss: Nicht viele Betriebe warten darauf, einer alleinerziehenden Mutter – noch dazu mit Migrationshintergrund – eine Lehrstelle anzubieten. Umso glücklicher ist sie, dass sie bei der Caritas diese Chance erhielt. «Obwohl ich die einzige Frau in der Werkstatt bin, fühle ich mich sehr wohl.» Die Kollegen seien allesamt nett und hilfsbereit. Dumme Sprüche? Nicht hier.
 

«Es kostet Kraft»

Attestausbildung Schreinerei

Wohl fühlt sich Madeline Gomez auch, weil ihre Vorgesetzten Verständnis für ihre Situation zeigen. Dies zum Beispiel dann, wenn die junge Mutter ausnahmsweise zu Hause bleiben muss, weil ihre Tochter krank ist. «Anderswo ginge das nicht», weiss sie. Trotzdem gebe es auch schwierige Zeiten. Sie gibt zu: «Alles unter einen Hut zu bringen, kostet Kraft. Manchmal fühle ich mich überfordert.»

Wenn man erfährt, wie ihr Alltag üblicherweise aussieht, ist das wenig erstaunlich. Um 6 Uhr steht sie auf, um 7 Uhr bringt sie ihre Tochter in die Krippe, von 7.30 bis 17 Uhr arbeitet sie. Und danach: Die Kleine abholen, nach Hause gehen, Essen zubereiten, Haushalt erledigen, Hausaufgaben machen, Rechnungen zahlen. «Ganz am Schluss komme ich», lächelt Madeline Gomez und zuckt mit den Schultern. Wie aber schafft sie das? Wo lädt sie ihre Batterie auf, damit sie nicht irgendwann erschöpft zusammenbricht? «Zeit für ein Hobby habe ich nicht, wenn Sie das meinen.» Ab und zu gehe sie am Wochenende mit Kolleginnen ins Kino. Diese raren Momente der Unbeschwertheit geniesst sie.

Attestausbildung Schreinerei


Der Chef ist voll des Lobes

Wenn alles glatt läuft, wird die Lernende im Sommer ihre Attestausbildung in der Tasche haben. Denkt sie an die bevorstehenden Abschlussprüfungen, wird sie nervös. «Ich wünsche mir so sehr, dass das klappt.» Wer sich mit ihrem Lehrmeister Renato Stiz unterhält, kommt zum Schluss: Das wird klappen. Der Mann ist voll des Lobes für die Lernende. «Madeline bringt mit ihrer fröhlichen Art frischen Wind in den Betrieb.» Vor allem aber sei sie nicht nur mit Freude, sondern auch mit Geschick bei der Sache. «Sie ist eine talentierte Schreinerin.» 
 
Wenn alles durch ist, will sich die junge Mutter Ferien gönnen. Am liebsten würde sie mit ihrer Tochter für ein paar Monate in die Dominikanische Republik reisen. In das Land, in dem sie die ersten sieben Jahre ihres Lebens verbrachte – und mit dem sie sich auch heute noch tief verbunden fühlt. Und danach? «Mein Traum ist es, eine Anstellung als Schreinerin zu finden.» Denn etwas ist in Madeline Gomez’ turbulentem Leben seit jeher gleich geblieben: Sie liebt ihn einfach – den Duft von Holz.

 

Perspektiven für Jugendliche

Mit Attest-Ausbildungsplätzen bieten wir Jugendlichen mit eingeschränkten Chancen eine Einstiegsmöglichkeit in die Berufswelt.