Fachtagung Palliative Care: So sorgt die Zentralschweiz in zwölf Jahren

15.10.2018
«Wie sieht die Zentralschweiz im Jahr 2030 aus, was die Sorge um Menschen am Lebensende angeht?» Diese Frage wurde in der Zukunftswerkstatt der Fachtagung Palliative Care der Caritas Luzern behandelt. In Gruppen arbeiteten die Teilnehmenden intensiv an einer Sorgekultur, wie sie in Zukunft gelebt werden könnte.

Susanne Kränzle gratulierte den Teilnehmenden schon vor Beginn ihrer Arbeit und verriet: «Sie alle haben einen Award von der Weltgesundheitsorganisation gewonnen.» Schliesslich besteht in der Schweiz bereits ein hervorragendes Sorgesystem. Zu erarbeiten galt es nun, wie eine weiterführende Sorgekultur in der Gesellschaft Einzug halten kann.

Zukunftswerkstatt mit überraschenden Ergebnissen

Die Ergebnisse waren überraschend, kreativ und vielfältig. Ein Teilnehmer trug die Gedanken der Gruppe in Gedichtform vor, mit ebenso poetischen wie realitätsnahen Zeilen: «Wir behandeln uns als Gäste, lassen andere Meinungen rein.»

Eine andere Gruppe stellte das Projekt «Füreinander – Miteinander» vor, ein Netzwerk für eine Sorgekultur in der Zentralschweiz. Deren Ansatz war, das Geben und Nehmen in allen Lebenslagen zu fördern. Die Vertreterin der Gruppe sagte: «Man kann in allen Lebenslagen Hilfe brauchen, die Sterbebegleitung gehört einfach dazu.»

Die Gruppe sah auch eine Sorgezeit vor, in welcher jeder für einen bestimmten Zeitraum Fürsorgearbeit leistet und dafür vom Betrieb bezahlt werden soll.

Sorgekultur in nachbarschaftlichen Verbunden

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte eine weitere Arbeitsgruppe, die allerdings etwas kleinräumiger dachte und die Sorgekultur in nachbarschaftlichen Verbunden organisierte.

«Es wäre eine Gesellschaft, die nicht mehr von der Ökonomie aus denkt», sagte die Teilnehmerin, «wir teilen miteinander, was es braucht.» Diese Gruppe forderte dafür ein Grundeinkommen.

Chip mit Patientenverfügung

Aus einem ganz anderen Blickwinkel beleuchtete eine eher technisch orientierte Gruppe das Thema, welche sogleich das «neue Gesundheitssystem Schweiz» vorstellte.

Der Einzelne trägt einen Chip auf dem Handgelenk, der immer eine aktualisierte Version der Patientenverfügung enthält. Die Daten werden frei ausgetauscht und, ja, auch hier «steht immer der Mensch im Mittelpunkt.»

Fachtagung Palliative Care – So sorgt die Zentralschweiz in zwölf Jahren

Der Tod gehört zum Leben

Gemäss den Ideen aus der Fachtagung sollen Tauschsysteme geschaffen werden, mit denen man unabhängig von Geld füreinander sorgen kann. Das Sterben soll einen festen Platz im Leben haben, wofür auch Freiraum – zum Beispiel eine Dispensation von der Arbeit – nötig ist.

In den vorgestellten Ideen sind die Wege nah, die Kontakte untereinander stark und jede Arbeit wertvoll. Eine Teilnehmerin sagte: «Die Menschenwürde steht im Zentrum – nicht mehr so sehr das Projekt Ich und die Selbstoptimierung.» Palliative Care gehe schliesslich alle etwas an, nicht bloss Fachkräfte und Freiwillige.

Bevölkerung muss selbst aktiv werden

Referent Andreas Heller fasste zusammen: «Die Ergebnisse sind sehr facettenreich, aber doch einheitlich in dem Bild, dass das Leben jetzt, wie wir es heute führen, nicht zukunftstragend ist.» Er erinnerte daran, dass sich unsere Zukunft an niemanden delegieren lässt und die Bevölkerung deshalb selbst aktiv werden muss.

Susanne Kränzle bemerkte, dass sie einen Punkt so noch nie gehört habe: nämlich, die Kinder so früh in die Sorge einzubeziehen. Verschiedene Gruppen hatten angeregt, die Sorgekultur in die Schule zu integrieren oder Kinder durch Praktika aktiv daran teilhaben zu lassen.

Podiumsgespräch am 29. Oktober 2018

Margret Füchsle, welche als Kursleiterin «Begleitung in der letzten Lebensphase» der Caritas Luzern durch die Tagung führte, fragte zum Abschluss, wie man diese Ideen, die voller Eifer gesät wurden, nun auch wachsen lassen könne.

Viele nahmen sich ganz konkret die nächste Handlung vor: «Ich besuche meinen krebskranken Nachbarn» oder «Ich werde von diesem Tag erzählen.» Manche Teilnehmenden werden in der Familie oder unter Freunden davon erzählen, andere an ihrer Arbeitsstelle.

Auch die Caritas Luzern geht einen Schritt weiter: Die zahlreichen Ideen der 14 Gruppen werden an einem Podiumsgespräch am 29. Oktober mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und den betroffenen Berufen diskutiert.