Integration: Wie aus Fremden Nachbarn werden

03.06.2019
Menschen, die auf überfüllten Booten übers Meer nach Europa gelangen: Sie sind irgendwer. Im Dorf aber erhalten sie einen Namen. Zum Beispiel in Aesch, wo sich eine Integrationsgruppe für die Asylsuchenden und Flüchtlinge im Dorf engagiert. Durch verschiedene Angebote unterstützt die Caritas Luzern diese und weitere Integrationsgruppen im Kanton Luzern.

«Wenn man will, ist Integration gar nicht so schwierig», sagt Edith Brunner (43). Will heissen: Sie fängt im Kopf an. Und braucht Menschen, die mit Herz handeln. Die Integrationsgruppe, die Edith Brunner 2015 in Aesch gegründet hat, trägt viel dazu bei, dass die Haltung Asylsuchenden und Flüchtlingen gegenüber in ihrer Gemeinde offen geworden ist. Als im vergangenen Jahr vier Männer aus Eritrea und dem Sudan ausreisen mussten, obwohl sie sich über ihre Arbeit und das Mittun in der Freizeit schon gut eingelebt hatten, konnten das viele in Aesch nicht verstehen.

Integrationsgruppen wie in Aesch gibt es in vielen Zentralschweizer Gemeinden. Sie sind unterschiedlich organisiert. Manche arbeiten unabhängig, andere im Auftrag der Behörden oder in Verbindung zur Kirche. Die Caritas Luzern ist Partnerin der katholischen Landeskirche im Bereich Migration und Integration und bietet Freiwilligen und Mitarbeitenden der Kirche zweimal jährlich ein Austauschtreffen und eine Weiterbildung zu einem migrationsspezifischen Thema an. Auch Edith Brunner nutzt diese Angebote regelmässig.

«Kein Asylbonus»

Zurück nach Aesch: Von den neun jungen Männern aus Eritrea, die im Dorf leben, haben sechs eine Arbeit oder absolvieren ein Praktikum. Zum Beispiel Andamikael Kifle (32), der es als Mitarbeiter des Bauunternehmens Budmiger Bau GmbH geschafft hat, sich von der Sozialhilfe zu lösen. Brunner und die Sozialvorsteherin der Gemeinde hatten einen Probeeinsatz vermittelt, Christian Budmiger gewann sein Führungspersonal für die Idee, und inzwischen ist Kifle ein fester Wert im Team. Einen «Asylbonus» habe dieser freilich nicht, sagt Budmiger. «Selbstverständlich sind meine Erwartungen als Arbeitgeber zu erfüllen.» Er wolle aber Menschen wie Andamikael Kifle die Möglichkeit geben, mit Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. «Wer dank einer Arbeit auch Steuern bezahlt und sich in der Freizeit am öffentlichen Leben beteiligen kann, erlebt so eine akzeptierte Integration.»

Gute Erfahrungen macht auch Stephan Weibel von der gleichnamigen Schreinerei in Schongau. Hier absolviert der 25-jährige Fthawi Abraham eine Attestausbildung als Schreinerpraktiker. Die grösste Schwierigkeit sei die Sprache, sagen Weibel wie Budmiger, zumal sich in einem Gewerbebetrieb die Mitarbeitenden auch aus Sicherheitsgründen verstehen müssten. Die Liste der «schönsten Erfolgserlebnisse» ist für Weibel indes länger: «Das ist vor allem die Motivation, die Freude an der Arbeit, die Pünktlichkeit von Fthawi, und er ist stets gut aufgelegt.» In der Gewerbeschule sei sein Lehrling «sehr fleissig» und habe gute Noten.

Integrationsgruppe Aesch

«Sie wollen sich beweisen»

Von anderen Unternehmen haben bis jetzt weder Christian Budmiger noch Stephan Weibel kritische Bemerkungen vernommen. «Im Gegenteil», sagt Weibel, «es gibt solche, die fragen uns nach den Erfahrungen und überlegen sich, ebenfalls einen Asylsuchenden oder Flüchtling einzustellen.»

Edith Brunner erstaunen die guten Erfahrungen der beiden Unternehmer mitnichten: «Asylsuchende wollen sich beweisen. Und bemühen sich, keine Fehler zu machen. Wenn man bedenkt, was sie alles lernen müssen, bis sie in unserer Gesellschaft mithalten können, vom Papiersammeln bis zur Sonntagsruhe, ist ihre Leistung riesig.» Brunner weiss, wovon sie spricht. Die gelernte hauswirtschaftliche Betriebsleiterin sammelte Erfahrungen bei der Caritas Luzern als Leiterin zweier Asylzentren.

Volleyball international

Der Schritt von dort in die eigene Wohnung sei nochmals sehr gross, in ein kleines Dorf wie Aesch erst recht. «Hier wird man als Person wahrgenommen und gehört nicht einfach zur grossen Masse der Ausländer.» Stimmt, sagt Filmon Andemeskel (25). Als er im Dezember 2014 von Luzern nach Aesch kam, für ihn ins Niemandsland, bezweifelte er erst, hier eine Arbeit zu finden. Inzwischen hat Andemeskel Aussicht auf eine Lehrstelle als Maler bei einem örtlichen Betrieb, man trifft ihn und seine Kollegen beim Palmenbinden für die Pfarrei oder bei einem Naturschutz-Einsatz ebenso wie jeden Freitagabend beim Volleyball.

«Die Leute schauten uns an»

Weil es mit dem Turnen sonstwo nicht klappte, gründete die Integrationsgruppe kurzentschlossen eine Volleyballgruppe mit den Asylsuchenden aus Aesch, Altwis und Ermensee, in der mittlerweile auch viele Schweizerinnen und Schweizer mittun. «Voll cool, die Turnhalle ist bald zu klein.» Die Angst vor den Fremden weiche sich auf, stellt Brunner fest. Freilich weiss sie auch gut, wen sie wofür fragen kann: «Man muss ‹echli gschpüre›, wer etwas gut findet und wer nicht.» Dafür ist Aesch klein genug. «Am Anfang schauten uns die Leute an. Zum Beispiel im Dorfladen», erinnert sich Andemeskel. Das habe sich gelegt. Inzwischen versteht und trifft man sich.

Integrationsgruppe Aesch

Treffpunkt Badikiosk

Zum Beispiel am Badikiosk am See, dem Dorftreffpunkt im Sommer. Der Kiosk ist Brunners Hauptbeschäftigung; als Pächterin der Gemeinde ist sie hier Arbeitgeberin von einem Dutzend Frauen und Männern. Auch Asylsuchende aus Eritrea haben hier schon Arbeitserfahrungen gesammelt.

Praktische Integration, wie Brunner mit Begeisterung erzählt: «Die Männer lernen unsere Arbeitsgewohnheiten kennen, sie müssen den ganzen Tag Deutsch sprechen, und im besten Fall wird ein Unternehmer oder Teamleiter auf sie aufmerksam, der auf einen Kaffee vorbeikommt.»

«Mama Edith» wider Willen

Der Badikiosk sei ab und zu Vermittlungsstelle, auch bei Fragen und Problemen mancherlei Art. Brunner mag es eigentlich nicht, wenn die Männer aus Eritrea sie ihrer Hilfsbereitschaft wegen «Mama Edith» nennen, doch sie weiss diese Bezeichnung als in Afrika gebräuchliche Ehrerbietung zu schätzen. Abgrenzung sei aber wichtig:

«Es ist nicht immer das Richtige, diesen Menschen alles abzunehmen.» Hilfe zur Selbsthilfe, die offensichtlich Früchte trägt: Er sei dankbar für die Unterstützung, sagt Fthawi Abraham. «Ich habe dabei auch gelernt, wie ich selbst anderen helfen kann.»

Dominik Thali, lukath.ch