Mehr als nur günstigere Lebensmittel

10.03.2021

Der Laden beim Bahnhof ist für Armutsbetroffene aus Baar und Umgebung ein wichtiger Ort. Seit zehn Jahren können sie dort Produkte des täglichen Bedarfs zu günstigen Preisen einkaufen.

Text & Foto: nachgedruckt in Absprache mit dem Autor Franz Lustenberger, zugerpresse.ch 

Dienstagvormittag um 10 Uhr: Der Caritas-Markt öffnet die Türe für seine Kundinnen und Kunden. Zum Einkaufen kommen Menschen, die jeden Franken zweimal umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgeben. Einkaufen darf hier nur, wer den Kultur-Legi-Ausweis vorlegen kann, der von einer Sozialberatungsstelle oder der Caritas selbst ausgestellt wurde. Diesen Ausweis erhalten Menschen, deren Einkommen nicht oder nur knapp für den Lebensunterhalt reicht. 
Für Doris Widmer (auf dem Foto), die stellvertretende Leiterin des Marktes in Baar, ist gerade dies die Motivation für ihre Tätigkeit. Nach einer Lehre im Lebensmittelhandel und der Arbeit in der Pflege formuliert sie es so: «So kann ich meine bisherigen Arbeitsfelder in einer sinnvollen Tätigkeit miteinander verbinden.» 

Öffentliche und private Partner sind die Basis 

Anstoss für den Markt in Baar gab die Spende einer Stiftung. Daraufhin gelangte die Caritas Luzern mit der Idee für den Aufbau eines Marktes an die katholische Kirche. Die Kirchgemeinden Baar und Steinhausen stiegen darauf ein. Martina Helfenstein, damals Sozialarbeiterin der Pfarrei St. Martin, erinnert sich: «Die Diakonie, der Einsatz für die Armen, ist für die Kirche gelebter Glaube.» Das Konzept sah von Anfang an den Beizug von Freiwilligen vor. Dieses Konzept gilt noch heute – neben zwei Festangestellten und einem Lernenden arbeiten im Caritas-Markt ausschliesslich Freiwillige. «Viele von ihnen schon seit Jahren», wie die Leiterin Sonja Köchli mit Befriedigung feststellt. 

Derzeitige Partner des Marktes sind die katholischen Kirchgemeinden Baar, Steinhausen und Zug, die Vereinigung der Katholischen Kirchgemeinden, die Reformierte Kirche Zug, der Kanton Zug, die Bürgergemeinde Zug sowie die Alfred Müller AG und die Starr International Foundation. Daniel von Holzen, Leiter Läden und Märkte Caritas Luzern, sagt dazu: «Die breite Unterstützung im Kanton und die Spendenbereitschaft haben uns geholfen, die zusätzlichen Herausforderungen der Corona-Krise zu überwinden. Wir sind für diese finanzielle Unterstützung sehr dankbar.» 

Laden verzeichnet rund 100 Einkäufe pro Tag 

Die Corona-Krise hat sich auch im Caritas-Markt bemerkbar gemacht. Mit über 30 000 Franken wurde im letzten Dezember ein Rekordumsatz verzeichnet. «Die Notwendigkeit des Caritas-Marktes ist mehr als bewiesen», sagt Daniel von Holzen. Denn es gehe um mehr als nur günstig sein: Vollwertig und gesund sollen die Lebensmittel auch sein. Armutsbetroffene Personen erhalten mit den günstigen Einkäufen zudem einen kleinen zusätzlichen finanziellen Spielraum. «So kann eine Alleinerziehende vielleicht einmal einen Wochenendausflug möglich machen oder einen Wunsch des Kindes erfüllen», erläutert von Holzen. Im Baarer Laden gibt es auch einen Ausbildungsplatz für eine Attestlehre als Detailhandelsassistent EBA. Dies ermöglicht Jugendlichen mit schulischen Schwächen eine berufliche Ausbildung und den Einstieg ins Berufsleben. 

Doris Widmer erwähnt im Gespräch noch einen weiteren Punkt: «Der Caritas-Markt Baar ist mit dem ÖV gut erreichbar.» Armutsbetroffene werden so nicht an den Rand gedrängt, sondern können im Zentrum der Gemeinde einkaufen.

Geschichte

Die Idee kam aus Paris, wo unter dem Titel «Banque Alimentaire» abgelaufene Lebensmittel gesammelt und über karitative Strukturen an Bedürftige verteilt wurden. Dieses Modell passte die Caritas in Basel für die Schweiz an; man wollte Lebensmittel nicht als Almosen verteilen. Christoph Bossart, der Initiant in Basel: «Wir wollten den Leuten die Möglichkeit lassen, auszuwählen und Einkäufe zu erschwinglichen Preisen zu tätigen.» 1992 eröffnete der erste Laden und ermöglichte Armutsbetroffenen ein «Einkaufen in Würde». Heute sind es über 20 Läden in der ganzen Schweiz, mit einem Umsatz von rund 15 Millionen Franken. Die Nachfrage nach günstigen Lebensmitteln in den Läden ist in der Corona- Krise gesamtschweizerisch markant gestiegen. Das zeigt sich auch in den Zahlen der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe: 660 000 Menschen sind von Armut betroffen. Im Jahr 2019 betrug die Armutsgrenze 2279 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3976 Franken pro Monat für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren.