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«Meine Kinder sind dank ‹mit mir› richtig aufgeblüht»

28.04.2020
Seit der Trennung von ihrem gewalttätigen Mann muss Mai Ly ihre drei Kinder alleine versorgen. Für die Mutter bedeutet das Existenzangst, Stress und Erschöpfung. Auch an den Kindern geht die prekäre Situation nicht spurlos vorbei. Dank der «mit mir»-Patenschaft haben sie eine neue Bezugsperson gefunden und mehr Vertrauen in sich und andere gewonnen.

Wir kommen gerade so über die Runden», gesteht Mai Ly*. Seit sie ihren gewalttätigen Ehemann verlassen hat, leben sie und ihre drei Mädchen am Existenzminimum. Vom Vater erhält die Familie keine Unterstützung; er hat nach ihrer Flucht ins Frauenhaus jeglichen Kontakt abgebrochen und lebt heute nicht mehr in der Schweiz. Die Trennung und die damit verbundenen finanziellen Einschränkungen waren für Mai ein harter Schlag. «Vorher arbeitete ich Vollzeit als Buchhalterin, und meine Familie war finanziell unabhängig», erzählt sie. Jetzt ist das nicht mehr möglich, da sie ihre Kinder alleine betreuen muss. «Eine Vollzeitstelle und die Betreuung von drei Kindern unter einen Hut zu bringen, ist fast unmöglich. Der psychische Stress, der damit verbunden ist, ist auch nicht zu unterschätzen», gibt Mai zu bedenken. Sie weiss, wovon sie spricht. Nach der Scheidung arbeitete sie eine Zeit lang weiterhin Vollzeit, weil ihr Arbeitgeber kein kleineres Pensum erlaubte. Doch das ging nicht lange gut. Sie lief am Limit; ihr Alltag war komplett durchgeplant. «Darunter litten schlussendlich auch die Kinder. Ich hatte unter der Woche kaum Zeit für sie. Ausserdem war ich gesundheitlich angeschlagen und oft müde und gereizt.» Trotzdem kämpft Mai um die Rückkehr in die Arbeitswelt. Denn von Hilfe abhängig zu sein, entspricht ihr gar nicht: «Mein grösster Wunsch wäre es, finanziell wie früher wieder selbst durchzukommen und für meine Kinder sorgen zu können.»
 

mit mir

Wieder Vertrauen lernen

Die vierköpfige Familie ist in einem Mehrfamilienblock in einer kleinen Dreizimmerwohnung in der Zentralschweiz zu Hause. «Es ist zwar eng, aber wir fühlen uns wohl hier», erklärt Mai. Sie ist nach der Trennung an diesen Ort gezogen, wo niemand die turbulente Geschichte der Familie kannte, um ihren Kindern einen Neuanfang zu ermöglichen. Damals kam bei ihr auch der Wunsch nach einer «mit mir»-Patenschaft für ihre Kinder auf: «Ich kannte das Projekt der Caritas schon länger, hatte früher aber keinen Bedarf dafür. Nach der Trennung und dem Umzug wünschte ich mir eine neue Bezugsperson für meine beiden jüngeren Mädchen.» Die Kinder hatten sich nach den schmerzlichen Erfahrungen zurückgezogen und hatten kaum Kontakte ausserhalb der Familie. «Ich wünschte mir ein Gotti für sie, um ihnen zu helfen, wieder Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen und die erlebten Traumata zu verarbeiten.»
 

Aus der Isolation finden

Die freiwilligen Gotti und Götti des Caritas-Projekts «mit mir» verbringen Freizeit mit Kindern aus sozial benachteiligten Familien und holen sie so aus einer möglichen Isolation heraus. «In einer Patenschaft lernt ein Kind eine neue Welt kennen. Es bekommt Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt, entdeckt neue Fähigkeiten und entwickelt Selbstvertrauen», erklärt Nicole Scherer, Leiterin von «mit mir» bei der Caritas Luzern. Für den Erfolg von «mit mir» ist eine enge, professionelle Begleitung der Familien sowie der Freiwilligen Voraussetzung. Die Projektleiterin sucht die Freiwilligen in Einzelgesprächen sorgfältig aus. Die Caritas Luzern begleitet die Patenschaften drei Jahre lang. «Mehr als 80 Prozent der Teilnehmenden führen die Patenschaft aber über die Dauer von drei Jahren hinaus weiter», so Nicole Scherer. In der ganzen Zentralschweiz profitieren zurzeit 79 Kinder von «mit mir». Seit das Projekt 2008 in Luzern startete, konnten insgesamt über 250 Patenschaften vermittelt werden.
 

«Sie sind richtig aufgeblüht»

mit mir

Mais Kinder Lia* (6) und Anna* (10) verbringen seit rund sechs Monaten ein bis zwei Tage pro Monat mit ihrem Gotti und können das nächste Treffen jeweils kaum erwarten. Sie basteln, backen, spielen, besuchen einen Spielplatz oder gehen zusammen ins Schwimmbad. Die Mutter erklärt: «Es sind keine teuren Ausflüge nötig. Das Wichtigste für die Kinder ist, dass ihnen jemand die Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, die im stressigen Alltag von Kindern einer Alleinerziehenden manchmal etwas zu kurz kommen.» Trotz der erst kurzen Laufzeit der beiden Patenschaften hat Mai bereits positive Auswirkungen bei ihren Kindern festgestellt: «Beide sind richtig aufgeblüht. Vor allem Lia ist sehr schüchtern und hat früher dauernd an mir geklebt. Dank der Patenschaft hat sie gelernt, etwas loszulassen. Sie hat mehr Vertrauen in sich und andere gewonnen und ist selbstständiger geworden. Auch sprachlich hat sie Fortschritte gemacht. Dank der Patenschaft ist sie jetzt bereit für die 1. Klasse.»
 

«Später möchte ich etwas zurückgeben»

Auch die Mutter profitiert von der Patenschaft. Mais Alltag erfährt dadurch etwas Entlastung. «Wenn eines der Kinder weg ist, kann ich mehr Zeit mit den anderen beiden verbringen und besser auf ihre Bedürfnisse eingehen. Wenn alle drei zu Hause sind, kommt oft jemand zu kurz. Und ab und zu kann ich mir sogar etwas Zeit für mich nehmen und mir eine Atempause gönnen», fügt sie erleichtert an.
 
Mai kann sich gut vorstellen, sich selbst einmal als Gotti zu engagieren, wenn ihre Kinder älter sind und sie nicht mehr so stark beanspruchen: «Ich möchte später etwas zurückgeben und meine Erfahrungen mit anderen teilen.» Eine «mit mir»-Patenschaft würde sie jedem empfehlen: «Das Projekt ist eine tolle Sache, sowohl für die Kinder, Gotti und Götti als auch für die Eltern.»
 
* Die Namen wurden zum Schutz der Familie geändert. Bei den Bildern handelt es sich um Symbolbilder.

Dieser Artikel erschien auch im Caritas-Magazin «Nachbarn» 1/2020.