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Sterben in Zeiten von Corona

12.05.2021

Sterbende Menschen sollen in Würde leben und Abschied nehmen können. Deshalb bietet Caritas Luzern Beratung und Bildung im Bereich der Sterbebegleitung an. Die Corona-Pandemie stellt die Arbeit von Sterbebegleitenden vor besondere Herausforderungen. Ein Interview mit Thomas Feldmann, Leiter Begleitung in der letzten Lebensphase.

Thomas Feldmann, Leiter Fachstelle Begleitung in der letzten Lebensphase von Caritas Luzern, berichtet von seinen Erfahrungen.


Was sind die Aufgaben von Sterbebegleitenden, und was lernen sie in der Ausbildung bei Caritas Luzern?

Auf vieles kann der Mensch verzichten, nur auf den Menschen nicht. Sterbebegleitung bedeutet, für Menschen in ihrer letzten Lebenszeit da zu sein. Auch für Angehörige – besonders, wenn sie eine pflegende Aufgabe zu Hause übernehmen. In unseren Kursen setzen wir uns mit Abschied, Trauer, Sterben und Tod vielfältig auseinander und reflektieren über eigene Vorstellungen und Erfahrungen von Lebensqualität und -sinn. Wir vermitteln auch Fachwissen und ganz praktische Unterstützungsmöglichkeiten in der Sterbebegleitung.
 

Wie hat sich die Sterbebegleitung während der
Corona-Pandemie verändert?

Wir konnten die Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase nicht mehr so gestalten wie vor der Pandemie. Einerseits wurden Sterbende in Spitälern und Pflegeheimen isoliert. Andererseits zählten – aufgrund von Vorerkrankungen oder ihres Alters – viele Mitglieder der Sterbebegleitgruppen zur Risikogruppe. Das führte zu einem Stillstand in der Sterbebegleitung. Erfreulich war, dass dadurch einige jüngere Menschen in die Sterbebegleitung einstiegen. Langsam kann die Begleitung wieder stattfinden.


Wie gingen die sterbenden Menschen mit den besonderen Herausforderungen um?

Sterbende in Institutionen waren mit schwierigen Fragen konfrontiert: Wer darf mich besuchen? Wie oft? Unter welchen Schutzmassnahmen? Für viele hat der Abschied im letzten Jahr in Schutzanzügen und distanziert stattgefunden. Corona hat Menschen getrennt. In der letzten Lebensphase schauen viele mit Angehörigen zurück auf ihr Leben. Dafür ist Nähe, Vertrauen und ein mitfühlender Austausch wichtig. Es ist schmerzhaft und schwierig auszuhalten, wenn man isoliert wird, nicht nur für die Sterbenden.


Wie war dies für die Angehörigen?

Diese Situation hat für die Angehörigen im Prozess des Abschiednehmens und der Trauer viel Leid verursacht. Trauer kann nicht aufgeschoben werden. Für Angehörige ist es wichtig, auch physischen Kontakt mit der verstorbenen
Person zu haben, um begreifen zu können, dass die Person nicht mehr lebt. Die Angehörigen haben mit Briefen, Fotos, Symbolen, Videobotschaften und virtuellen Nachrichten mit den sterbenden Menschen kommuniziert. So sind auch neue Rituale entstanden.


Der Tod ist in unseren Breitengraden ein Tabuthema: Hat sich dank der Pandemie der Umgang damit verändert?

Eine der positiven Auswirkungen der Corona-Pandemie: Mehr Leute mussten sich mit Themen wie Lebensqualität, Sterben, Tod und Abschied auseinandersetzen. Durch die Pandemie findet eine Sensibilisierung statt. Wir haben dieses Jahr viele Anmeldungen für unsere Kurse in der Sterbebegleitung und führen Wartelisten. Gleichzeitig ist das Thema belastender geworden. Die Menschen haben nicht nur Angst voreinander bekommen, sondern auch vor den einschneidenden Folgen des Virus und davor, ohne Kontakt zu ihren Lieben sterben zu müssen.


Ist das Interesse an Patientenverfügungen aufgrund
der Corona-Pandemie gestiegen?

Ja. Wichtig dabei ist, dass die gängigen Patientenverfügungen um einen Corona-Zusatz erweitert werden. Darin stehen Fragen wie: Was soll geschehen, wenn ich mich infiziere? Wo möchte ich sterben? Möchte ich intensivmedizinisch oder palliativ betreut werden? Grundsätzlich sollte man sich Gedanken darüber machen, was Lebensqualität bedeutet und wie wichtig Lebenszeit ist. Neben einer schriftlichen Patientenverfügung ist es wichtig, dass sich Betroffene direkt mit Angehörigen austauschen. So können die Angehörigen sich für sie einsetzen, wenn sie selbst nicht mehr urteilsfähig sind.


Der Bundesrat hat im September 2020 den Bericht «Bessere Betreuung und Behandlung von Menschen am Lebensende» verabschiedet und schlägt darin Massnahmen vor, um die Palliative Care zu fördern. Um was geht es genau?

Unter Palliative Care versteht man die Betreuung und Behandlung von Menschen mit unheilbaren oder lebensbedrohlichen Krankheiten. In der Palliative Care geht es darum, die letzte Lebensphase im Hinblick auf einen möglichen Tod mit möglichst grosser Lebensqualität zu gestalten. Die nationale Strategie des Bundes soll die palliative Grundversorgung flächendeckend in der ganzen Schweiz ermöglichen. Zusätzlich braucht es eine mobile spezialisierte Palliative Care, damit mehr Menschen zu Hause begleitet werden können, wenn sie das möchten. Diese ist bis jetzt noch lückenhaft. Für die Umsetzung wurden die Kantone beauftragt.
 

Welchen Platz nehmen dabei die Freiwilligen ein?

Das Dasein für Menschen in der letzten Lebensphase ist nicht nur Aufgabe von Fachkräften der Medizin und Pflege. Es muss noch etwas mehr ins Bewusstsein kommen, dass die Freiwilligen eine wichtige Aufgabe in der Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen
übernehmen. In der Zentralschweiz gibt es über 40 Begleitgruppen, in denen sich über 500 Freiwillige engagieren. Und es entstehen immer mehr Palliative-Care-Netzwerke, auch hier im Kanton Luzern. Ich bin selbst am Aufbau beteiligt und bin im Vorstand von Palliativ Luzern. Dabei bringe ich immer wieder die Aufgaben und den Beitrag der Freiwilligen ein.
 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Sterbebegleitung?

Zuerst: dass wir als Gesellschaft die enormen persönlichen und wirtschaftlichen Folgen dieser Pandemie solidarisch tragen. Für die Sterbebegleitung, dass sie Teil einer sogenannten «Caring Community» (sorgenden Gesellschaft) wird. Das bedeutet, dass die Sorge füreinander in allen Lebensphasen selbstverständlich zu unserem Zusammenleben gehört. Wir Menschen sind seit Geburt an auf andere angewiesen. Diese Sorge füreinander setzt voraus, dass wir miteinander in Kontakt sind und uns für andere interessieren.


 
Thomas Feldmann
Zu Thomas Feldmann Thomas Feldmann leitet seit 2018 die Fachstelle Begleitung in der letzten Lebensphase von Caritas Luzern, die Betroffenen, Angehörigen und Freiwilligen in Sterbebegleitgruppen betreuungs- und begleitungsrelevante Informationen sowie kompetente Beratung und Bildungsangebote bietet. Er ist Theologe (MTh) und bildete sich in interdisziplinärer Palliative Care weiter. Seit 2001 besitzt er eine eigene Beratungspraxis in Luzern, wo er als systemischer Einzel und Paartherapeut und Supervisor arbeitet. Er ist Vater, Grossvater und lebt in Luzern.