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Wenn das Eis unter den Füssen bricht

21.05.2021

Im Diskurs rund um die Corona-Krise fällt immer wieder das Wort «Prekarität». Denn Menschen in prekären Lebenslagen trifft die Pandemie mit voller Wucht. Doch was ist mit diesem Begriff gemeint, und wo ist er in der Wissenschaft verortet?

Menschen in sogenannten prekären, also unsicheren Lebenslagen stehen das ganze Jahr wie auf dünnem Eis eines zugefrorenen Sees – nicht wissend, wann es einbricht. Diese missliche Lage und Unsicherheit spüren wir alle seit das Coronavirus unser Leben im Griff hat. Doch Menschen in prekären Lebenslagen konnten schon vor Corona ein Lied davon singen und trifft es nun umso härter. 2007 publizierte der Caritas-Verlag das Diskussionspapier «Auf dünnem Eis – Menschen in prekären Lebenslagen». Die Erkenntnisse dieser Studie sind heute aktueller denn je.


Durchs Netz gefallen

Meist steht am Beginn der sogenannten Prekarisierung ein kritisches Lebensereignis
wie beispielsweise ein Autounfall, eine Scheidung, die Kündigung, die Geburt eines Kindes –
oder eben die Corona-Pandemie. Sie führt zu einem riesigen Riss im Eis, und die erwerbstätigen Menschen im Tieflohnsegment stehen auf einmal knöcheltief im bitterkalten Wasser. Gemäss einer SECO-Studie befanden sich schon im Jahr 2016 2,5 Prozent der Erwerbstätigen in prekären Arbeitsverhältnissen. Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren aufgrund der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts noch verstärkt. Sie arbeiten temporär, auf Abruf, sind befristet oder unfreiwillig auf Teilzeitbasis angestellt. Dazu gehören beispielsweise Taxifahrerinnen, Reinigungskräfte, Kuriere, Gastronominnen, Bauarbeiter, Detailhändlerinnen und Selbstständige. In der Corona-Krise hat sich deutlich gezeigt, dass diese Menschen durchs Netz fallen – sie sind bei einer Krise zu wenig versichert, erhalten keine oder zu wenig Entschädigung und profitieren nicht von den Rettungspaketen des Bundes. Eine neue Studie der KOF von Februar 2021 zeigt auf, dass der Einkommensverlust durch die Pandemie im Niedriglohnsektor 20 Prozent beträgt, während es bei den Besserverdienenden nur 8 Prozent sind. Die Studie macht deutlich, dass die Ungleichheit in
der Schweiz noch zunimmt.
 

Prekäre Lebenslagen basieren auf Mehrdimensionalität

In den wenigen Studien über prekäre Arbeit in der Schweiz richtet sich der Fokus vor allem auf die Arbeit. Neben den finanziellen Ressourcen gibt es noch weitere wichtige Faktoren, etwa die berufliche und soziale Integration, das gesundheitliche Wohlbefinden und die Bildungsnähe. Häufig treffen mehrere erschwerende Umstände aufeinander. Dazu gehören beispielsweise eine beengte Wohnsituation, ein fehlendes soziales Netz, Konflikte innerhalb der Familie, ein niedriger Schulabschluss, ein Suchtverhalten oder ein unsicherer Aufenthaltsstatus. Gerade durch diese Mehrdimensionalität sind Menschen in prekären Lebenslagen noch viel stärker von den Einschränkungen der Pandemiemassnahmen betroffen. Dies kann zu einer Zunahme von psychischen Erkrankungen und häuslicher Gewalt, schulischen Schwierigkeiten und Depressionen führen.
 

Ohne Absicherungen kein fester Boden 

In der reichen Schweiz werden die Probleme von armutsbetroffenen Menschen gerne unter den Teppich gekehrt. Die Corona-Pandemie zeigt die Lücken im sozialen Netz auf und macht Menschen in prekären Lebenssituationen sichtbar. Das System der Arbeitslosenkasse richtet sich in erster Linie an Festanstellungen aus und Unternehmen wälzen das Risiko auf die Arbeitnehmenden ab. Zwar hat der Bundesrat für die Pandemie gewisse Bezugskriterien bei der Kurzarbeit gelockert, sodass auch Angestellte auf Abruf davon profitieren oder bis zu einem Lohn von 3470 Franken nun 100 Prozent des Lohns ausbezahlt werden, doch nicht alle Bedürftigen profitieren von diesen Massnahmen, und zudem sind sie befristet. Damit prekär Arbeitende nicht in die Armut abrutschen, sondern wieder festeren Boden unter die Füsse bekommen, braucht es einen Wandel. Es braucht unbürokratische Sozialhilfe, die nicht zurückbezahlt werden muss, existenzsichernde Mindestlöhne und absichernde Sozialleistungen, welche die tiefen Löhne zu 100 Prozent abdecken.


Text: Doris Nienhaus, Leiterin Soziale Integration, Caritas Luzern